(1) Genese einer „Modekrankheit“. Burnout und Depression im 21. Jahrhundert.

Freud ist out. Denn während er den Ursprung nahezu aller Neurosen in den im Zuge der Zivilisation unterdrückten Trieben vermutete, kann man heutzutage auf beinahe keinem Gebiet von Unterdrückung oder Tabuisierung mehr sprechen. Im 21 Jahrhundert werden die verhängnisvollen Geister mit einem ganz anderen Zauberwort gerufen. Es lautet Selbstverwirklichung.

Im Zeitalter der Optimierung, Individualisierung und nahezu unbegrenzter Selektionsmöglichkeiten ist jeder zur Selbstverwirklichung angehalten. Sowohl der Beruf als auch die Familie stellen keine existentiellen Konstanten mehr dar, die einem seine Rolle in der Gesellschaft weisen. Einst formgebend, werden sie nun ganz in den Dienst der Selbstverwirklichung gerückt und sind somit variabel und stets optimierungsfähig. Der moderne Mensch kann sich auf keiner einst getroffenen Wahl mehr ein Leben lang „ausruhen“, sondern ist zur ewigen Optimierung sowie zur immer wieder neu zu treffenden Wahl verdammt.
Ob bei der Karriere oder im Familienleben, bei der Wahl des Partners oder der eigenen Geschlechterrolle – nichts mehr ist festgelegt. Man kann alles, muss aber nicht. Diese grenzenlose Freiheit hat uns aus dem Korsett der religiösen oder politischen Konventionen befreit, gleichzeitig aber auch Verwirrung und Orientierungslosigkeit gestiftet. Zu viele Möglichkeiten führen in der heutigen Welt nicht selten zur Unzufriedenheit und Frustration. Gleichzeitig werden traditionelle Strukturen aufgehoben, die dem Individuum ehemals Halt boten und seine psychische Stabilität nicht unbedeutend unterstützten. An die Stelle von Schuld und Konformität treten Verantwortung und Initiative. Das durch die Diktatur der Individualisierung geforderte Streben nach Selbstverwirklichung und Optimierung wird für viele zu einer unverhältnismäßigen Überforderung. Eine extreme Reaktion der Psyche auf diesen „aktivistischen Imperativ“ kommt in der plötzlichen Handlungsunfähigkeit zum Ausdruck, die zu den grundlegenden Symptomen der Depression gehört.
Sie drückt sich durch Schwermut, Erschöpfung, Gehemmtheit und Apathie aus. Die an Depression leidenden Personen sind von Selbstzweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen geplagt.

Das schwierige an der Depression für Mediziner ist, dass sie in verschiedenen Facetten und Ausprägungen zu Tage tritt, die individueller Behandlungsansätze bedürfen.
Eine der Erscheinungsformen der Depression stellt das aktuell als „Modekrankheit“ viel diskutierte Burnout dar. Ärzte und Psychologen sind sich allerdings darüber einig, dass Burnout weniger ein klar umrissenes Krankheitsbild, sondern vielmehr ein abstruser Sammelbegriff ohne Konturen ist, unter dessen „Label“ eine Reihe psychischer Beschwerden vereint und gleichzeitig „entstigmatisiert“ werden. Oft handelt es sich beim Burnout-Syndrom um Erschöpfung nach einem besonders fordernden Lebensabschnitt, die sich in Schlaf- und Angststörungen niederschlägt und nach einigen Wochen Erholungskur in der Regel behoben werden kann.
Gleichwohl ist der Gebrauch der Diagnose Burnout derzeit inflationär. Immer mehr Menschen trauen sich, mit Symptomen wie Erschöpfung, Schlafproblemen, mangelndem Antrieb und ähnlichen Befindlichkeitsstörungen zum Arzt zu gehen. Grund dafür ist nicht zuletzt der Begriff „Burnout“, der die vor allem in der männlichen Bevölkerung seit Jahrzehnten verschämt verschwiegene Erkrankung der Depression salonfähig gemacht hat. Denn per defitionem bedeutet „Burnout haben“ so viel wie „ausgebrannt sein“, was eine vorausgegangene körperliche und geistige Anstrengung suggeriert. Man implodiert nicht mehr passiv und hilflos in seiner eigenen Seelenlandschaft, wie es dem Depressiven unterstellt wird, sondern man hat sich aktiv und durch Erbringen von Leistung buchstäblich krank geackert. In einer kompetitiv ausgerichteten Leistungsgesellschaft wie der unseren ist es somit keine Schande, an Burnout zu leiden, der häufig auch als aufwertender Deckname für Depression benutzt wird.
Dabei bleibt es zweifellos schwierig, zwischen Erschöpfung und Ausgebrannt-Sein als einer Befindlichkeitsstörung und der folgenreichen Krankheit Depression zu unterscheiden. Denn anders als die relativ leicht zu behandelnde Erschöpfung ist Depression eine echte Krankheit, deren Schwere sich nicht nur an den Kosten der Krankenversicherung bemisst, sondern vor allem auch an Erhöhung des Selbstmordrisikos, das sie häufig mit sich bringt.

Lesen Sie in unserem nächsten Beitrag dieser Reihe: Schnelles Glück auf Rezept oder „Grundsanierung“ durch Therapie? Behandlungsmöglichkeiten bei depressiven Erkrankungen.

Kommentieren Sie als Facebooknutzer! Sie Sind kein Facebooknutzer? Kein Problem! Nutzen Sie einfach unsere eigene Kommentarfunktion weiter unten auf der Seite!

3 thoughts on “(1) Genese einer „Modekrankheit“. Burnout und Depression im 21. Jahrhundert.

  1. Psychische Störungen kann man nicht einfach mit einer „Genesungskur“ hinwegfegen !
    Vielleicht sollte man erst mal mit Betroffenen reden bevor man leichtfertig solche Behauptungen niederschreibt. Das ist einfach schlecht recherchiert!
    Außerdem ist es einfach schlechter Stil, ein so komplexes Krankheisbild mit ein paar Sätzen erklären zu wollen.
    Ich fühle mich als ehemaliger Betroffener „vor den Kopf gestoßen“!

    • Vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Es war selbstverständlich nicht unsere Absicht, Sie bzw. allgemein Betroffene mit einer Relativierung oder Simplifizierung des hier thematisierten Krankheitsbildes „vor den Kopf zu stoßen“. Im Gegenteil! Es soll vielmehr sogar zu Geltung kommen, dass es sich um ein sehr komplexes Phänomen handelt, da ihm oftmals schwer wiegende Krankheiten zu Grunde liegen, mit dem zugleich bisher aber auch keine einheitliche und allgemein verbindliche Symptomatik und Ätiologie verbunden ist.
      Auf eine Kur als hinreichende Therapie weist der Artikel lediglich mit Blick auf einen Teil der Fälle hin. Er macht aber durchaus auch deutlich, dass andere Fälle schwerer wiegen. Hier soll lediglich unterstrichen werden, dass unter dem Titel „Burnout“ aktuell (noch) eine recht breites Spektrum an Krankheitsfällen subsumiert wird.
      Mit freundlichen Grüßen
      Ihr BLOG-für-Privatpatienten-Team

  2. Depression und Burnout hat ein sehr breites Spektrum und äußert sich bei vielen Betroffenen ganz unterschiedlich. Deshalb wird es leider von Ärzten auch oft nicht erkannt.

Schreibe einen Kommentar