Der Leitfaden zum PKV-Tarifwechsel: Wahres Umdenken oder PR-Manöver?

Seit Ende letzten Jahres haben einige namhafte Versicherer beschlossen, ihre Versicherten ab dem 55. Lebensjahr auf Wechselmöglichkeiten hinzuweisen. Hierzu hat der PKV-Verband einen verbindlichen Leitfaden zum internen Tarifwechsel veröffentlicht, der spätestens ab 2016 greifen soll und mit dem sich die Versicherungsunternehmen verpflichten, bei Anfragen von Versicherten nach Tarifalternativen das gesamte Spektrum an möglichen Zieltarifen aufzuzeigen oder geeignete Tarife im Kundeninteresse auszuwählen. Doch was leitet hierbei die Versicherer? Selbstloser Wunsch nach Kundenzufriedenheit oder skrupelloser Opportunismus?

Das Jahr 2016 nähert sich nun. Jedoch ist bis jetzt keine Veränderung im Serviceverhalten der Versicherer zu spüren. Im Gegenteil beschweren sich Kunden nach wie vor über Schikanen, die mit einer Tarifwechselanfrage einhergehen. Dass die Bearbeitung einer solchen Anfrage für gewöhnlich sehr lange dauert, ist dabei noch das geringste Übel. Das Problem besteht eher darin, dass der Kunde qua Laie sich bei der Angebotsvermittlung auf die Kulanz und Kundenorientiertheit des Versicherers nicht wirklich verlassen kann. Oft bekommen PKV-Versicherte Angebote vorgelegt, die nach Beurteilung eines unabhängigen Experten nicht wirklich in deren Sinne sind.

Entstammt die verkündete Kompromissbereitschaft also purem Populismus?
Auf den ersten Blick sieht diese Geste der Versicherungsunternehmen durchaus großzügig aus. Nur die Tatsache, dass dessen Einhaltung extra durch Wirtschaftsprüfer kontrolliert werden muss, wirft auf die Sache einen kleinen Schatten. Dennoch scheinen sich die Versicherer endlich als serviceorientierte Unternehmen auch um die Zufriedenheit ihrer Kunden zu kümmern. Wenn auch ein wenig spät erfolgt, ist es immerhin ein großer Schritt in Richtung verbraucherorientiertes Denken und Gesetzeskonformität.
Schaut man sich die selbstlose Ankündigung der Versicherer genauer an, treibt diese plötzliche Kundenfreundlichkeit bizarre Blüten. Und dass nicht alle privaten Krankenversicherer diesen Schritt mitgehen wollen, ist dabei nicht das einzige Kuriosum.
Versprechen wie Beseitigung der Verzögerung bei der Bearbeitung der Tarifwechselanträge und das unaufgeforderte Unterbreiten von günstigeren Tarifangeboten durch den Versicherer mögen sich ja durchaus nobel anhören. Jedoch ist im selben Zuge von Leistungskürzungen, Gesundheitsprüfungen und Erhöhung der Selbstbeteiligung als Vorbehalt die Rede. Anders formuliert, erhalten in die Jahre gekommene und mit altersbedingten Erkrankungen kämpfende Kunden das großmütige Angebot, einfach teure Leistungen abzuwählen und dadurch von einer niedrigeren Monatsprämie zu profitieren. Dass es sich hierbei um Leistungen handelt, für die der Versicherte Jahrzehnte lang eingezahlt und Alterungsrückstellungen gebildet hat, scheint nicht von Belang zu sein.

Nicht ganz unverdächtig ist auch, dass dieser plötzliche Kurswechsel nicht dem bloßen Wunsch nach Imageaufbesserung der Branche entspringt, sondern vor allem dem erfolgreichen Hochbetrieb der unbeliebten Tarifoptimierer Einhalt gebieten soll. Denn, anders als die besagten Tarifoptimierer, bieten die Krankenversicherer den Umstellungsservice gratis an. Interessanterweise werfen die Versicherungsunternehmen den externen Dienstleistern etwas als Untat vor, was sie selbst ihren Kunden gegenüber als sinnvolle Dienstleistung anpreisen: Ersparnis auf Kosten der Leistungen.
Es stellt sich dabei die Frage: Warum sollten sich Versicherer vor Tarifoptimierern fürchten, wenn diese doch ähnlich beraten, wie sie’s selbst tun würden und ihnen damit sogar zusätzlichen Aufwand ersparen?
Es liegt auf der Hand, dass Ursache hierfür nicht der bloße Honorarneid ist, sondern der Umstand, dass die Tarifoptimierer doch verbraucherorientiert beraten und gerade den älteren Versicherten eine zügige Umstellung in Tarife ermöglichen, bei denen sie auch ohne bedeutenden Verzicht auf Leistungen viel Geld sparen können. Und gerade das ist nicht im Sinne der Versicherungsunternehmen, die ausschließlich an wirtschaftskompatiblen Tarifwechselangeboten interessiert sind und leistungsattraktive und günstige Tarife für das Neugeschäft aufsparen.
Richtig wäre es seitens des Versicherers, den Kunden wenigstens auf die Möglichkeit hinzuweisen, dass er auch ohne Gesundheitsprüfung und Leistungseinbußen in einen günstigeren Tarif wechseln kann. Dies würde aber der Versicherungswirtschaft bedeutend schaden und liegt deshalb verständlicherweise nicht in ihrem Interesse.

Auch der Zeitpunkt der Ankündigung ist bezeichnend, denn sie erfolgte unmittelbar vor dem Jahreswechsel, mit dem gewöhnlich Beitragsanpassungen ins Haus stehen. Denn wie fast jedes Jahr müssen einige Versicherer der demographischen Entwicklung und der medizinischen Inflation Tribut zollen und die Beiträge ihrer Kunden nach oben hin anpassen. Vor diesem Hintergrund erscheint die unerwartete Gesetzestreue und Kundenfreundlichkeit der Versicherungskonzerne gar nicht so unerwartet, und die PR-Absicht dahinter ist unschwer erkennbar.

Beigetreten sind dem Dokument bislang 25 Versicherer, darunter namhafte Konzerne wie AXA, DKV, Allianz und Signal Iduna. Bei anderen Unternehmen, wie der Central Krankenversicherung AG, scheitert es offensichtlich schon an der Bereitschaft, sich gesetzeskonform zu verhalten, geschweige denn die Verbraucherorientiertheit des Gesetzes (wenn auch nur zum Schein) zu übertreffen.
Zu den pflichtbewussteren Mitgliedern der Versicherungsequipe lässt sich nur sagen:
Eure Absicht in allen Ehren!
Aber Objektivität und Transparenz sehen anders aus!

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