Der Niedrigzins zwingt PKV-Branche in die Knie

Die niedrigen Zinsen auf dem Kapitalmarkt hatten bislang nur Einfluss auf die PKV-Prämien der Neukunden. Was im Jahr 2013 an der Fassade der Unternehmen leicht kratzte, bringt den Stuck nun immer mehr zum Bröckeln, sind jetzt doch auch die langjährigen Bestandskunden von den Folgen der Zinssenkung betroffen.

Wegen des Niedrigzinses haben die Privatversicherer zunehmend Probleme, die Alterungsrückstellungen für ihre Kunden gewinnbringend anzulegen. In jungen Jahren zahlen die Kunden einen Teil ihres PKV-Beitrages, um allzu große Prämiensprünge aufzufangen, wenn ihre Einnahmen im Rentenalter sinken. Dieser Teil der Beiträge wird von den Versicherungen an den Kapitalmärkten angelegt und soll Rendite erwirtschaften, um die finanzielle Reserve weiter aufzupolstern.

Die geringere Verzinsung des Sparanteils im Jahr 2013 führte zunächst zu höheren Beiträgen für Neukunden. Denn für diese muss ein größerer Betrag zurückgelegt werden, um die gleiche Rückstellung für das Alter zu erreichen. Für PKV-Käufer von neuen, ab dem 21. Dezember 2012 geltenden Unisextarifen galt deshalb der von 3,5 auf 2,75 (bei der Halleschen auf 2,5) Prozent abgesenkte Rechnungszins. Das hat die Tarife deutlich verteuert, so dass weibliche Kunden auch in der Summe nicht von der Umstellung auf Unisex-Tarife profitierten.
Bei Bestandskunden mit Altverträgen blieb dagegen zunächst alles, wie es war: 3,5 Prozent Rechnungszins als garantierte Direktgutschrift auf die Alterungsrückstellungen zuzüglich 90 Prozent des Überzinses.

Aufgrund der aktuellen Kapitalmarktlage lässt sich der jährliche Rechnungszins von 3,5 Prozent kaum mehr erzielen. Den Versicherern bleiben nicht viele Handlungsoptionen. Entweder sie tätigen riskantere Investments, die aber auch mit einem höheren Ausfallrisiko verbunden sind. Oder sie müssen die Beiträge für ältere Versicherungsnehmer anheben, um ihre Einnahmesituation zu verbessern.

Als erstes Unternehmen der Branche hat nun die AXA öffentlich gemacht, dass sie ihre Kalkulation für Bestandskunden ändern muss. Der Rechnungszins, mit dem die Versicherer ihre künftigen Verpflichtungen abzinsen, wird unter die branchenüblichen 3,5 Prozent gesenkt. So stark wie für Neukunden werde der Rechnungszins für Bestandskunden nicht sinken, ließ der AXA-Vorstand durchblicken. Gesenkt werden muss er aber.

„Nach jetzigem Kenntnisstand wird das sicherlich in diesem Jahr noch vier bis fünf weitere Unternehmen treffen“, sagt Gerd Güssler vom Branchendienst KVpro. Denn wenn die laufende Durchschnittsverzinsung unter einen Schwellenwert fällt, zwingt die Finanzaufsicht Bafin das Unternehmen dazu, den Rechnungszins zu senken.
Wird der Rechnungszins von 3,5 auf 2,5 Prozent gesenkt, ergibt sich im Branchendurchschnitt eine Beitragserhöhung um etwa 10 Prozent, hat Güssler errechnet.

Als Folge ihrer Prämienpolitik mussten die PKV-Gesellschaften im Jahr 2014 große Bestandsverluste hinnehmen. Die Zahl der Vollversicherten sank laut Verbandsangaben um 0,63 Prozent beziehungsweise von etwa 9 auf 8,83 Millionen. Das negative Image der PKV hallt nach, seit die Medien 2012 über massive Beitragsanpassungen berichtet haben.

Um Privatpatienten vor allzu willkürlichen Teuerungen in der PKV zu schützen, hat der Gesetzgeber strenge Voraussetzungen für Beitragserhöhungen geschaffen. Eine Neukalkulation der Prämien ist nur erlaubt, wenn die Kosten für Gesundheitsleistungen um mindestens 5 Prozent steigen oder die Lebenserwartung sich um 5 Prozent erhöht. Erst dann dürfen auch Faktoren wie der aktuelle Niedrigzins eingerechnet werden.

Nach Einschätzung von Experten warten die Versicherer derzeit noch ab, bis die genannten Gründe eintreten. Der Bund der Versicherten (BdV) rechnet mit zwei großen Wellen von Prämienerhöhungen zum Ende des Jahres 2015 und 2016. Und dann könnten die Beitragssprünge gerade für Senioren recht heftig ausfallen.

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4 thoughts on “Der Niedrigzins zwingt PKV-Branche in die Knie

  1. Die von Ihnen angeführte Welle der Erhöhungen hat bereits zugeschlagen.
    Die Landeskrankenhilfe, LKH Lüneburg,hat zum 1. 1. 2015 meine Beiträge um 69,75 Euro erhöht, das ist ein Plus von 11,3 %, darüber hinaus wurde ebenfalls ein Risikozuschlag von 51, 12 Euro auf 59,95 Euro erhöht und dazu noch die Selbstbeteiligung von 1160 auf 1240 Euro.
    Ich finde das masslos – wo bleibt da die Verhältsnismäßigkeit?
    Natürlich habe ich das nicht klaglos hingenommen, aber man wird mit absolut nichtssagenden Sätzen abgespeist.
    Dazu muss ich noch anführen, das die LKH bislang noch nicht einen Cent für mich draufgezahlt hat. Dafür aber wurden schon zweimal hohe zweistellige Beitragssteigerungen durchgeführt. Leider – im Alter von 69 Jahren – sind einem ja die Hände gebunden, Wechsel ist nicht mehr möglich.
    Tarifwechsel habe ich einen mitgemacht in Richtung Krankenhausversorgung 2. Klasse.

    Die Kasse argumentiert mit Kostensteigerungen wegen des medizinischen Fortschritts und der steigenden Lebenserwartung bzw. der verbesserten Leistungen bei der Pflegepflichtversicherung.

    Das Thema sinkende Zinsen kam bislang noch nicht zur Sprache. Wird sicherlich für das kommenden Jahr als weitere Möglichkeit der Beitragssteigerung eingesetzt werden.
    Ich gehe mal davon aus, dass unabhängig von all den angeführten Faktoren es auch auf ein intelligentes, kluges Finanzmanagement ankommt – da dürfte wohl bei der LKH der Hase im Pfeffer liegen. Aber was solls, man hat ja schließlich seine zu rupfende wehrlose Klientel.

    Mit freundlichen Grüßen
    Brigitte Hutz

  2. die Erhöhungen gehen jetzt schon an die Schmerzgrenzen! Die Frage muss lauten, wie kann man aus diesem Fiasko herauskommen? Eine Besserstellung, wie in manchen Publikationen immer wieder angegeben, konnte ich nicht feststellen. Ich warte genau so lang wie die allgemeinen Kassenpatienten. Hier wäre mal die Politik gefragt, aber die interessieren sich nicht dafür.
    LG

  3. Es ist offensichtlich enorm wichtig, bei einem ordentlichen Anbieter versichert zu sein. Ich bin bei der Debeka und habe bisher noch keine Beitragserhöhung bekommen.

  4. Ich bin beim Münchener Verein versichert und habe ebenfalls eine heftige Beitragserhöhung bekommen , über 10 Prozent. Auch ich bin mit dem Status als Privatpatent nicht zufrieden.Ich bekomme keinen Facharzttermin schneller und muss beim Arzt genauso lange warten wie gesetzl. V.

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