Kinder haften für ihre Eltern! Die bittere Wahrheit über die private Pflege in Deutschland.

Die Menschen in Deutschland werden immer älter: So wird die Hälfte aller Männer mittlerweile mindestens 80 Jahre alt – und jede zweite Frau erlebt sogar ihren 85. Geburtstag. Das hohe Alter ist zwar ein Segen, doch bringt es auch gesundheitliche Beschwerden mit sich. Und letztendlich steigt mit der Lebenserwartung auch die Anzahl an Pflegerentnern, auf die unser Gesundheitssystem schlicht nicht vorbereitet ist. Nicht selten sind dabei auch die sonst gut versicherten Privatpatienten von der Pflegepleite bedroht. Denn was viele nicht wissen, ist, dass die private Pflegepflichtversicherung einer absoluten Grundsicherung dient, deren Leistungen sich auf dem Niveau einer gesetzlichen Pflegeversicherung bewegen. Abhilfe kann deshalb eine Pflegezusatzversicherung schaffen, die im Falle einer eintretenden Pflegebedürftigkeit finanziellen Ersatz leistet.

Wenn die Pflegepleite droht

Nach den jüngsten Statistiken sind heute ca. 2,4 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Darunter sind 300.000 Menschen unter 60 Jahren. Rund 876.000 der Pflegerentner sind zwischen 60 und 79 Jahre alt. Und mehr als 50% der Pflegebedürftigen sind 80 Jahre oder älter.
Was viele nicht wissen, ist, dass die Leistungen aus der privaten Pflegepflichtversicherung eine Art Teilkaskoversicherung sind und bei weitem nicht alle Kosten der Pflegebedürftigkeit abdecken. Die Höhe der Leistung aus der privaten Pflegepflichtversicherung richtet sich nach dem Grad der Pflegebedürftigkeit. Bei Pflegestufe 3 (stationäre Pflege) zum Beispiel erhält man hieraus ca. 1550 Euro – und das bei Pflegekosten in Höhe von rund 3.000 Euro im Monat (vgl. Abb. 1) . Die Differenz von über 1.500 Euro muss der Pflegepatient selbst tragen.

grafik pflege versorgungslücke
Abb. 1

Die durchschnittliche Pflegedauer beträgt schon heute mehr als 8,2 Jahre. Eigentum und Ersparnisse werden zur Pflegeleistung hinzugerechnet und sind schnell aufgebraucht. Sollte der Pflegepatient sich seine Pflege nicht mehr leisten können, werden seine Angehörigen zur Kasse gebeten (vgl. Abb. 2).
Durch die stetige Alterung unserer Gesellschaft wird in den nächsten Jahrzehnten die Bedrohung des Vermögens für die jüngere Generation steigen:

Pflege Abwärtsspirale
Abb. 2

Abgesehen von naturgemäßen Alterungsbeschwerden kann das Risiko jeden treffen. Auch junge Menschen können durch Krankheit oder Unfall in die Situation kommen, plötzlich auf fremde Hilfe angewiesen zu sein.

Gute Pflege kostet Geld

Einen Ausweg aus der Pflegefalle bietet die private Pflegezusatzversicherung als sinnvolle Ergänzung zum Versicherungsmindestschutz im Pflegefall. Über spezielle Pflegezusatztarife, z.B. in Form von Tagegeldern lässt sich der Versicherungsschutz für den Pflegebereich aufbessern. Eine Pflegezusatzversicherung kann bis zum 75. Lebensjahr abgeschlossen werden und sichert Sie im Härtefall ab.

Die bei Pflegebedürftigkeit eintretende Versorgungslücke kann durch eine private Pflegerentenversicherung geschlossen werden. Dabei fallen die Beiträge umso geringer aus je früher die Police abgeschlossen wird. Die Pflegerentenversicherung bietet eine lebenslange Monatsrente, wenn eine Pflegebedürftigkeit eintritt. Die Rentenhöhe kann der Versicherungsnehmer bei Vertragsabschluss für jede Pflegestufe selbst bestimmen.
Zwar ist die Pflegerente die teuerste Vorsorgeform im Pflegefall, dafür garantiert sie die Stabilität der Beiträge und wird von Beitragsanpassungen nicht tangiert.

Die günstigste Form einer Pflegezusatzversicherung ist die Pflegekostenversicherung. Dabei beteiligt sich die Versicherung bei Pflegebedürftigkeit anteilig (in versicherter Prozenthöhe) bis zu 100% an den Rest-Pflegekosten, die nach Abzug der Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung übrig bleiben.
Pflegekostentarife dienen häufig nur der Aufstockung der Pflegepflichtversicherung, da sie sich an den tatsächlich angefallenen Pflegekosten orientieren und etwas unflexibel sind.

Anders ist es bei der Pflegetagegeldversicherung, bei der die Pflegeleistungen nicht mit dem Versicherer direkt abgerechnet werden und der Versicherte über das ausgezahlte Geld selbst bestimmen kann. Sobald der Versicherte seine Pflegebedürftigkeit nachweisen kann, zahlt die Pflegetagegeldversicherung ihm einen zuvor vereinbarten Geldbetrag pro Pflegetag aus. Der Tagessatz wird dabei entsprechend der vom Medizinischen Dienst attestierten Pflegestufe vereinbart. Unabhängig von den tatsächlich anfallenden Pflegekosten stellt diese Form der Pflegezusatzversicherung somit ein wichtiges Zusatzeinkommen für Pflegebedürftige dar.

Bei allen drei Arten der Pflegezusatzversicherung sollten Sie bedenken, dass die Beiträge umso geringer ausfallen, je jünger Sie beim Einstieg sind. Bei Vorerkrankungen werden Risikozuschläge fällig.
Außerdem ist bei Policenabschluss darauf zu achten, ab welcher Pflegestufe der Pflegeschutz greift. Nicht jeder Versicherer bietet beispielsweise Leistungen ab Stufe 0 an. In dieser Stufe ist aber schon der Demenzeintritt versichert. Beachtet man die weite Verbreitung von Demenz in der Bevölkerung, ist dieses Thema von hohem Interesse.
Wichtig ist es auch, festzulegen, ab welcher Pflegestufe eine Beitragsbefreiung eintritt, nach dem Prinzip: Je niedriger umso besser! Möglich ist es ebenso, einen Hinterbliebenenschutz zu sichern, sodass im Fall des Todes des Versicherten, bevor die Pflegebedürftigkeit eingetreten ist, die Hinterbliebenen einen Teil der eingezahlten Beiträge ausgezahlt bekommen.

Pflege Bahr: ein Hybrid zwischen privat und gesetzlich?

Seit 2013 zahlt die Bundesregierung allen Bürgern, die eine geförderte private Pflegetagegeldversicherung abschließen, einen monatlichen Zuschuss von 5 Euro. Damit die Versicherung förderfähig ist, muss der Eigenbeitrag des Versicherungsnehmers mindestens 10 Euro betragen. Die staatliche Zulage beträgt immer 5 Euro pro Monat.
Sollten Sie jedoch unmittelbar nach Abschluss der Pflege Bahr pflegebedürftig werden, muss erst eine Wartezeit von fünf Jahren verstreichen, bevor Sie die Leistungen der Versicherung in Anspruch nehmen können.
Dies ist jedoch nicht der einzige Haken bei der Pflege Bahr. Viel bedenklicher ist die Tatsache, dass jeder volljährige Bürger diese geförderte Pflegezusatzversicherung abschließen kann, ohne eine Gesundheitsprüfung. Es gibt auch keine Altersbegrenzung nach oben. Damit droht die Gefahr, dass gerade ältere Versicherte mit gravierenden Vorerkrankungen und garantierter Pflegebedürftigkeit die Pflege Bahr in Anspruch nehmen, wodurch die Ausgaben der Versicherung enorm steigen. Getragen wird diese Kostensteigerung letztendlich von den Mitversicherten, deren Beiträge über kurz oder lang in die Höhe schnellen werden. Somit stellt die Pflege Bahr ein Hybridmodell zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung dar und droht jeder Zeit vom Kapitaldeckungssystem der privaten Krankenversicherung ins gesetzliche Umlageverfahren abzudriften.

Der Kampf um die Pflegestufe

Und last but not least:
Wenn der Antrag auf Pflegezusatzleistungen gestellt ist, wird der Medizinische Dienst beauftragt, den Patienten zu begutachten, danach wird der Grad der Pflegebedürftigkeit festgestellt. Die Pflegestufe entscheidet dann über die finanziellen Leistungen der Pflegezusatzversicherung.
Bei dieser Begutachtung ist es für den Pflegebedürftigen vor allem wichtig, in Bezug auf seine Gebrechen ehrlich zu sein und sich nicht als selbstständiger und gesünder darzustellen, als es in Wahrheit der Fall ist. Wenn dies, ob aus falscher Scham oder aus unnötigem Ehrgeiz geschieht, muss der zu niedrig eingestufte Pflegepatient Kosten selbst tragen, die sich durch eine angemessene Einstufung vermeiden ließen.

 

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2 thoughts on “Kinder haften für ihre Eltern! Die bittere Wahrheit über die private Pflege in Deutschland.

  1. PKV-Versichert im Plegeheim, möglicherweise dement und daher nicht mehr handlungsfähig. Welcher Betreuer kennt sich mit den Tücken und der komplizierten Handhabung der PKV im Pflegefall aus? Privatrechnungen der Ärzte sind immer genau zu prüfen, u. a. wg überhöhter GOÄ/GOZ – Sätze , Erstattungen der PKV prüfen, Einsprüche bei Unstimmigkeiten, ständige Tarifwechsel durchsetzen mittels schwierigstem Schriftverkehr. Selbst ohne Betreuung ist man sicherlich im hohen Alter dem nicht mehr gewachsen.
    Ich hoffe sehr, dass den PKVen spätestens dann, wenn die sog. „Babyboomer“ in Rente und in Pflege kommen, das System um die Ohren fliegt. Warum einigt man sich nicht und plädiert für eine gemeinsame Bürgerversicherung, in die auch Beamte einzahlen? Tarifwechsel ist schön und gut, aber leider nur wenige Jahre, dann geht der Kampf doch immer wieder weiter, da die Prämien weiter explodieren und die Einkünfte nicht mehr steigen. Ein zutiefst unmenschliches System, wie ich finde.

    • Sehr geehrte Frau Epple,

      Vielen Dank für Ihren Kommentar! Sie haben zweifellos Recht mit Ihrer Anklage des Gesundheitssystems.

      Dass ein älterer, geistig beeinträchtigter Patient sich in dem intransparenten Dschungel der PKV-Korrespondenz nicht zurechtfindet, ist mehr als nachvollziehbar. Leider ist man in einer solchen Situation auf Fremdhilfe angewiesen, ob durch einen Betreuer, einen Ergänzungspfleger oder einen Familienangehörigen, und kann nur hoffen, dass sie mit ihrem Knowhow besser aufgestellt sind.

      Dass die Gesundheitsausgaben bei gleichzeitig schrumpfenden Einnahmen über kurz oder lang anwachsen werden, liegt auf der Hand. Der Kostendruck, der bei den Versicherern kontinuierlich steigt, wird letztendlich Prämienerhöhungen als Ventil fordern.
      Die Idee – Weg mit der Zweiklassenmedizin – klingt in der Theorie einfach. In der Praxis wäre es jedoch schwierig, die Unterschiede zwischen den zwei Gesundheitswelten zu nivellieren und gleiche Spielregeln für alle einzuführen.
      Mit Sicherheit würde die Bürgerversicherung der Profitgier mancher Ärzte das Handwerk legen und Ärzte, deren unternehmerische Ader nicht so stark ausgeprägt ist, vor der Pleite retten. Allerdings wäre durch den aufgehobenen Wettbewerb die Qualität der Gesundheitsversorgung unter Umständen in Gefahr.
      Dass die privaten Versicherer die Alterungsrückstellungen ihrer Kunden für einen gemeinsamen Topf hergeben, ist eine Illusion. Zahlreiche vor allem ältere Versicherte, die der Bürgerversicherung anheimfallen werden, schwächen in erster Linie die neue Gesundheitskasse, nicht die privaten Versicherer.

      Ihre Bedenken bei einem Tarifwechsel sind durchaus fundiert und plausibel. Jedoch kann es Sinn machen, sich in dieser Hinsicht von einem erfahrenen und neutralen Tarifexperten beraten zu lassen. Denn es kann Ihnen helfen, sich in dem Kosten-Leistungs-Dickicht der privaten Krankenversicherung besser zurecht zu finden und sich somit gegen die doppelseitige Ausbeutung durch Versicherer und Ärzte zu wehren.
      Freilich haben auch PKV-Experten keine Kristallkugel und können keine Prognose über die zukünftigen Beitragsentwicklungen des neuen Tarifs abgeben. Sie können allerdings nach neueren Tarifen für Sie suchen, die durch hauptsächlich jüngere und gesunde Kunden mehr Beitragsstabilität aufweisen. Sollten diese jedoch von einer Anpassung betroffen sein, so ist diese meist prozentual und fällt aufgrund geringerer Ausgangsbeiträge moderater aus als die Beitragssteigerung Ihres aktuellen Tarifs, dessen Höhe Ihre Versicherung ebenfalls nicht garantieren kann, wie Sie mit Sicherheit bereits aus Ihren jährlichen Beitragsanpassungen selbst erfahren konnten.

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