Mehr Gerechtigkeit beim Thema Pflege: Neues zum Pflegestärkungsgesetz II

Nachdem am 01.01.2015 das Erste Pflegestärkungsgesetz in Kraft trat, wurde nun das Gesetz zur zweiten Stufe der über mehrere Jahre angelegten Pflegereform der Bundesregierung verabschiedet. Das Zweite Pflegestärkungsgesetz soll zum einen den Pflegebedürftigkeitsbegriff neu definieren und damit einige bisherige Ungerechtigkeiten abschaffen. In diesem Zuge werden die drei existierenden Pflegestufen durch fünf Pflegegrade ersetzt, die der individuellen Pflegebedürftigkeit besser gerecht werden sollen. In die Bewertung werden dann körperliche und kognitive Parameter gleichermaßen einbezogen, so dass eine Benachteiligung der geistigen Beeinträchtigung gegenüber der körperlichen vermieden wird.

Mit dem Ersten Pflegestärkungsgesetz erhalten alle rund 2,7 Millionen Pflegedürftigen in Deutschland bereits seit dem 1.1.2015 mehr Leistungen. Die Leistungen für die ambulante Pflege wurden um rund 1,4 Mrd. Euro erhöht, für die stationäre Pflege um rund 1 Mrd. Euro. Auch die Leistungen für die Pflege zu Hause wurden deutlich verbessert, pflegende Angehörige werden mehr entlastet. Die Unterstützungsangebote für die Pflege zu Hause wurden ausgeweitet, die Zahl der zusätzlichen Betreuungskräfte in stationären Pflegeeinrichtungen erhöhte sich deutlich. Zudem wurde ein Pflegevorsorgefonds eingerichtet.
Mit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz werden der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff und ein neues Begutachtungsverfahren eingeführt. Die bisherige Unterscheidung zwischen Pflegebedürftigen mit körperlichen Einschränkungen und Demenzkranken werden wegfallen. Im Zentrum steht der individuelle Unterstützungsbedarf jedes Einzelnen.

Ab 2017 soll auf ein neues Begutachtungssystem umgestellt werden, das dann fünf Pflegegrade statt wie bisher drei Pflegestufen haben wird. Wichtig bei der Einstufung wird künftig sein, wie selbstständig der Versicherte noch ist und inwiefern er einer Unterstützung bedarf. Das Zählen von Minuten, die zur Pflege nötig sind, fällt mit dem neuen Verfahren weg.

Die voraussichtliche Umwandlung der Pflegestufen in Pflegegrade steht nun fest und sieht folgendermaßen aus:

– Pflegestufe 0 → Pflegegrad 1
– Pflegestufe 1 → Pflegegrad 2
– Pflegestufe 1 + eingeschränkte Alltagskompetenz → Pflegegrad 3
– Pflegestufe 2 → Pflegegrad 3
– Pflegestufe 2 + eingeschränkte Alltagskompetenz → Pflegegrad 4
– Pflegestufe 3 → Pflegegrad 4
– Pflegestufe 3 + eingeschränkte Alltagskompetenz → Pflegegrad 5
– Härtefall → Pflegegrad 5

Folgende 6 Lebensbereiche werden nach dem neuen Verfahren von Bedeutung sein:

– Mobilität
– geistige und kommunikative Fähigkeiten
– Verhalten
– Selbstversorgung
– Umgang mit Erkrankungen und Belastungen
– Soziale Kontakte

Bei der Festlegung des Pflegegrades fließen diese Bereiche in unterschiedlicher Wertigkeit ein, die im Folgenden prozentuell dargestellt ist:

PSG II

In jedem Bereich werden je nach Stärke der Beeinträchtigung Punkte vergeben, die am Ende zusammengezählt werden. Die Gesamtpunktzahl entscheidet über den Pflegegrad. In der Phase der Umstellung wird niemand schlechter gestellt. Bestehende Pflegestufen werden in entsprechende Pflegegrade umgewandelt.

Trotz der Pflegereformen ist die private Pflegevorsorge sehr wichtig. Denn auch wenn die Leistungen im Pflegegrad 5 ab 2017 bei stationärer Pflege auf 2.005 Euro angehoben werden, decken diese lange nicht die tatsächlichen monatlichen Kosten von ca. 3.500 Euro, sodass die soziale Pflegeversicherung ihren Teilkasko-Charakter beibehält. Über 1.000 Euro sind nach wie vor monatlich aus dem Einkommen der Pflegerentner bzw. von deren Angehörigen zu zahlen.

Tipps:

– Sind Sie pflegebedürftig und beziehen Leistungen nach den bisherigen Kriterien, werden Sie als „Altfall“ Bestandsschutz genießen. Prüfen Sie genau, ob Sie von dem Angebot Gebrauch machen möchten, sich nach dem neuen System begutachten zu lassen. Insbesondere, wenn Sie Heimbewohner sind oder die Möglichkeit besteht, dass Sie es in Zukunft werden, sollten Sie sich im Detail zu den Auswirkungen beraten lassen. Wenn Sie sich beraten lassen und nach der Begutachtung schlechter eingestuft werden, sind Sie berechtigt, die Einstufung wieder rückgängig machen zu lassen.

– Wer erwägt, eine Pflegeversicherung abzuschließen, sollte bedenken: Da der aktuelle Gesundheitszustand sich mit jedem Jahr verschlechtern kann, macht es wenig Sinn, den Abschluss einer Pflegeabsicherung bis 2017 hinauszuzögern.

Mehr Informationen zu dem Thema finden Sie hier.

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4 thoughts on “Mehr Gerechtigkeit beim Thema Pflege: Neues zum Pflegestärkungsgesetz II

  1. Wer entscheidet über die Pflegebedürftigkeit, den Grad usw.

    Ich leben zum grossen Teil in Frankreich. Kann ich dann Auch die Pflegeversicherung in Anspreuch nehmen

    • Sehr geehrte Frau Freudernstein,

      danke für Ihre Rückmeldung.
      Theoretisch können Sie auch bei Wohnsitz in Frankreich eine Pflegeversicherung in Deutschland abschließen, die im Pflegefall in Frankreich greifen würde. Der Pflegegrad wird durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) nach einer detaillierten Begutachtung festgelegt.
      Allerdings lässt sich zunächst keine pauschale Aussage treffen. Welche Pflegeversicherung in welchem Land für Sie sinnvoll ist, hängt von mehreren Faktoren ab, wie beispielsweise dem Verhältnis ihrer Wohnsitze in Frankreich und Deutschland (Erstsitz, Zweitsitz). Es ist auch wichtig, wo Sie Ihre Krankenversicherung abgeschlossen haben, in welchem Arbeitsverhältnis Sie sind etc.

      Bei der Komplexität der Thematik wäre in Ihrem Fall Unterstützung durch erfahrene Pflege-Experten sinnvoll, die Sie hier kontaktieren können.

      Mit freundlichem Gruß

      Ihr Blog-für-Privatpatienten-Team

  2. Vielen Dank für den informativen Artikel. Ich finde, dass die Bundesregierung damit schon mal einen Grundstein zu einem gerechteren Pflegesystem gesetzt hat.

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